Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Annährungen an eine unbekannte Fragestellung

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Biologie Leistungskurs, Thema Evolution, ich glaube es war die zehnte Klasse. Der hagere Mann mit Halbglatze und Bart vor der Tafel wartet auf Antworten. Eine einsame tapfere Wortmeldung irgendwo ganz hinten im Raum: „Durch die Evolution…“ – „Nein, nein, nein, das fängt ja schonmal völlig falsch an!“ Verunsicherung. „Äh… Na die Evolution bewirkte, dass…“ – „Herrje, lass gut sein!

Das Grundprinzip, das uns zum Thema Evulotion wohl am pedantischsten in niemals enden wollenden Stunden eingehämmert wurde, war: Die Evolution entwickelt nicht, sie IST die Entwicklung. Sie handelt nicht, sie bewirkt nicht und sie macht nicht. Sie hat weder Ziel noch Zweck noch Vernunft.
(Danke, Herr von Busch, ein paar Dinge sind haften geblieben!)

Befasst man sich nun mehr oder weniger eingehend mit den Theorien Darwins, so kommt man eigentlich nicht umhin, sie als plausibel oder wenigstens als den besten aller bisherigen Lösungsansätze zu betrachten. Befasst man sich nun weitergehend aber statt nur mit der Botschaft (beziehungsweise deren Übermittlung) auch mit den Boten, so finde ich es schwer, der Evolution nicht wenigstens einen Sinn für Humor sowie einen gewissen Hang zur Dramatik zu unterstellen. Ich glaube es würde micht nicht überraschen, wenn auf einem der noch zu entdeckenden Fossilien (ein deutlich über 120 Millionen Jahre altes Schnabeltier zum Beispiel würde sich anbieten) in Großbuchstaben aber gut versteckt das Wort „OWNED!“ zu lesen wäre.

Ein besonders mannigfaltiges Feld der Kuriositäten bietet die Welt der Symbionten und Parasiten. Komplexe, verwobene und verworrene Strukturen, bei denen die für sich allein gestellte Anpassung A ohne die exakt gleichzeitig auftretende Anpassung B nicht unmittelbar von Vorteil scheint. Die jeweilige Wahrscheinlichkeit, dass Anpassung A oder B auftritt, ist ohnehin schon astronomisch gering, aber nun gut, Zeit und Größe des Genpools machen es möglich. Wie gering ist nun aber die Wahrscheinlichkeit, dass A und B auch noch gleichzeitig auftreten, damit auch ein Vorteil dabei herauspringt? Ein Fall für den unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive würde ich sagen – möglich, aber eben verdammt unwahrscheinlich.

Als ähnlich schwer nachzuvollziehen empfinde ich, wie manch komplexe Prozesse, deren einzelne Phasen für sich gestellt funktionslos wären, sich schrittweise entwickelt haben sollen. Ein Parasit beispielsweise, der über einen Zwischenwirt letztlich wieder in sein Mutterschiff gelangt, der macht schon eine wirklich ziemlich lange und ausgeklügelte Reise. Hm – Schrittweise? Das erinnert mich an die Formulierung „ein bischen schwanger sein“. Dass eine solche Anpassung aber in nur einem Schritt durch ein paar simple Schreibfehler im Code passiert, indem hier und dort mal aus einem G ein T wird, ist irgendwie – möglich, aber verdammt unwahrscheinlich.

Ein schönes und immer wieder gern verwendetes Beispiel für einen solchen Ablauf  ist der kleine Leberegel (Dicrocoelium dendriticum – aber nennen wir ihn der Einfachheit halber Horst). Für gewogene Leser, die vielleicht noch nichts von Horst gehört haben, möchte ich hier kurz seinen Lebenszyklus umreißen.

Phase 1
Horst beginnt seine Reise als kleine Wimpernlarve in einem Ei im Gallengang eines Schafes. Über das Verdauungssystem wird er ausgeschieden und wartet, hoffentlich auf einer satten Wiese, denn die benötigt er später noch als Szenario, darauf von einer Schnecke gefressen zu werden. Er braucht sich dabei nicht zu stressen, denn der Proviant in seiner Eihülle reicht für an die zwei Jahre.

Phase 2
Nachdem Horst tatsächlich von einer Schnecke gefressen wurde, wird er aktiv. Er verläßt sein schützendes Ei,  bohrt sich durch den Darm der Schnecke und schmeisst seine Wimpern ab. Ohne seine Fortbewegungsmittel und nur noch ein Sack aus Muskeln und Keimzellen wird er nun selber zu einer Art Ei. In seinem Inneren beginnt er Kopien von sich herzustellen und sich hundert- und tausendfach zu klonen.

Phase 3
Irgendwann schließlich wird Horst an die Grenzen seiner Kapazität gelangen und die Horstklone, die mittlerweile kleine Schwänze und Saugnäpfe entwickelt haben, sprengen das, was irgendwann einmal der Urhorst gewesen ist, auf, um es sich ein Stückchen weiter in der schneckischen Mitteldarmdrüse gemütlich zu machen. Hier werden sie allerdings das gleiche Schicksal erleiden wie Horst I und wieder die Rolle der Klonfabrik übernehmen um Horsts „Enkel“ hervorzubringen.

Phase 4
Die Kopien der Kopie von Horst (aber nennen wir sie der Einfachheit halber Bernd) machen sich schließlich bereit, die eigentliche Reise anzutreten. Bewaffnet mit Schwänzen, Haken und Saugern wandern sie in die Atemhöhle der Schnecke, worauf diese, wie nicht anders zu erwarten, mit schneckeneigenem Niesen reagiert und Schleimbrocken aushustet. Wenn alles gut gelaufen ist, dann befindet sich Bernd zusammen mit etwa 100.000 weiteren Kopien der Kopie von Horst nun inmitten seines Schleimairbags auf der o.g. Wiese und fängt wieder an zu warten.

Phase 5
Bernd wartet darauf, dass eine Ameise seinen Weg kreuzt. Bevorzugt eine, die wirklich unheimlich auf Schneckenschleim steht. Verspeist und im Darm einer Ameise angekommen beginnt nun ein Prozeß, angesichts dessen man dem guten Darwin, sollte er einem gegenüber sitzen, gern schmunzelnd auf die Schulter klopfen und ihn fragen möchte: „Ach komm, Charles, merkste selber, oder?“ Bernd und seine Bernd-Weggefährten bohren sich wieder mal durch eine Darmwand, die sie aber nach dem Durchbruch wieder säuberlich mit Gewebe verschliessen, um das Überleben ihres Gastgebers zu sichern. Während der Großteil der Bande in der Leibeshöhle wartet, kämpft sich Pionier Bernd in das Hirn der Ameise vor. Die Ameise ahnt es vermutlich noch nicht, aber sie ist – nunja, man könnte sagen besessen, denn sobald es Tag wird und die Sonne scheint, wird Bernd die Kontrolle über ihr Verhalten übernehmen. Die chemische Stimme in ihrem Kopf flüstert der Ameise zu, dass es eine unheimlich gute Idee ist, bis auf die Spitze eines Grashalmes oder einer Blume zu klettern, sich dort festzubeissen und abzuwarten, bis es wieder etwas kühler geworden ist.
Warum tut Bernd das? Ameisen sind eigentlich nicht als potentielle Gefahrensucher bekannt. In bodenständiger Erdnähe kann man zwar ebenfalls fiesen Zeitgenossen begegnen aus Ameisensicht, aber man läuft immerhin nicht Gefahr, von einem grasenden Schaf gefressen zu werden – und welche Ameise würde sich das schon wünschen? Aber genau dort möchte Bernd hin, nichts möchte er sehnlicher, als von einem Schaf verdaut zu werden, um sich letztendlich, abermals einen Darm durchbohrend, einen gemütlichen Gallengang zu suchen.
Wird es schließlich Abend ohne dass ein hungriges Schaf vorbei kam, überlässt Bernd die Ameise wieder ihren eigenen Gedanken und Plänen, die vermutlich verwirrt und ausgehungert von dem fiesen Mandibelkrampf in ihren Bau eilen und fressen wird. Wenn es wieder schön warm und die Chance auf hungrige Schafe hoch ist, wird er es wieder versuchen.
Sollten Ameisen ein kollektives Bewusstsein besitzen, es würde mich nicht verwundern wenn sie anhand dieser Zombiegeschichten, die im Bau die Runde machen, eine gewisse Form des Voodookults pflegen würden.

Ich meine, seht ihn euch an…

Schrittweise Entwicklung?
Na, ich weiß ja nicht.

Spontane Entstehung des gesamten Prozesses?
Nein, nicht wirklich!

Mehr Hang zur Dramatik kann man sich eigentlich kaum wünschen.

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